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Müllwagen in MarxlohDuisburg-Marxloh, einst durch Kohle und Stahl reich gewordener Stadtteil, gilt heute wegen der hohen Arbeitslosigkeit und der vielen Zuwanderer als sozialer Brennpunkt. Wie in Berlin-Neukölln oder in der Dortmunder Nordstadt klagen die alteingesessenen Bewohner über sinkende Lebensqualität und ein zunehmendes Müllproblem. Aber wie ist es für die, die sich täglich um den Müll kümmern? Auf Tour mit den Duisburger Wirtschaftsbetrieben.

 

Vor dem grauen Eckhaus wuchert es, ist kaum ein Durchkommen zwischen den prallen Müllsäcken, eingerollten Teppichresten und abgestoßenen Sesseln. Eingedellt liegt ein Lattenrost quer über dem Bürgersteig. Kein Sperrmüll ist das, seit zwei Wochen wächst die wilde Kippe schon.

Auf der Suche nach dem Müll

Thomas Mielke nervt das. Batman-Shirt, eckiges dunkles Brillengestell, zum Backenbart heruntergezogene Koteletten – man sieht dem 41-jährigen Marxloher an, dass er mal einen Comic-Laden hatte. Der lief aber nicht. Jetzt kümmert sich Mielke als Vorstand beim Runden Tisch Marxloh um die Nöte der Bürger und eben auch um solche Dreckecken. Er ruft die Müll-Hotline an. „Bis wann könnt ihr das abholen?“ Nach zwei Stunden ist der Bürgersteig blank.

Müll ist hier immer Thema: bestimmte, ständig verdreckte Straßen wie die Hagedorn, wilde Kippen und dass sich die Stadtreinigung wohl nicht richtig kümmert. Besonders arg sei es geworden, seit so viele Rumänen und Bulgaren zugezogen sind. Vor Weihnachten hat man noch Unterschriften für ein sauberes Ortsbild gesammelt.

Mielke macht sich auf einen Rundgang durch das Quartier. Auf dem neuen Spielplatz ist heute alles tipptopp. Dahinter türmen sich wie schwarze Riesen Hochöfen zur mächtigen Industriekulisse, es rattert und klopft diffus.

Marxloh - Hochofenkulisse

Marxloher Hochofenkulisse am Schwelgernstadion dfdf

Auf einem matschigen Trampelpfad bahnt sich Mielke den Weg durch ein paar kahle Sträucher. „Da hinten an den Bolzplätzen, da sieht es immer aus! Alles zugewachsen und voller Müll.“ Doch auch hier waren die Straßenkehrer schneller. Schließlich findet sich noch etwas: eine zerknickte Waschmittelflasche in einem Vorgarten. Ob die Stadtreinigung hier gegen Windmühlen kämpft?

Schnapp, ein Rührstäbchen

Frühmorgens erwacht ein paar Kilometer weiter der Betriebshof Nord zum Leben. Durch das Tor surren aus der grellen Helligkeit der Lichtmasten vier, fünf kleine Kehrmaschinen wie borstige Insekten in die Dunkelheit. Ihre Scheinwerfer spiegeln sich auf dem niesel-feuchten Asphalt. Auch Harald Hübner macht sich auf den Weg. Im weißen Pritschenwagen der Duisburger Wirtschaftsbetriebe rumpelt er mit seinen Kollegen Kalle und Edis durch die dunklen Straßen bis zum Marxloher August-Bebel-Platz. Das orange Licht der Rundum-Leuchte fällt zuckend auf die umliegenden Häuser.

Harald, 53 Jahre und gelernter Kfz-Mechaniker, nimmt die beige Abfalltonne vom Wagen und zieht sie polternd durch die Stille. Mit einem Greifer pickt er Papierschnipsel, Kaffeebecher und umherfliegende Plastiktüten auf. Sein durchdringender Blick durch die Brille auf der ausgeprägten Nase verleiht ihm etwas Strenges. Immer von unten greifen, die kleinen Teile, man erwischt sie sonst nicht. Schnapp, ein Rührstäbchen, schnapp, ein Taschentuch. Beiläufig, im Vorbeigehen, muss man das machen. Die Papierkörbe leert er noch schnell, immer steckt auch Hausmüll in den blauen Metallbehältern. „Wenn man Glück hat, ist ne 25er dabei“ lacht Harald, dann freut er sich über 25 Cent Dosenpfand.

Er runzelt die hohe Stirn, denn besonders vermüllt ist es heute nicht. „Das ist doch nicht normal. Sonst sind wir hier wie wild am Fegen und jetzt ist nichts.“ Er spielt auf die Hagedornstraße an. „Dienstags machen wir das Problemviertel. Montags, wenn ich freihabe, muss ich schon immer daran denken. Aber bringt ja nichts, da mit ner Fleppe reinzugehen. Vier, fünf Stunden richtig ranklotzen, dann ist wieder gut. Aber zwei Stunden später sieht es da schon wieder aus. Man erkennt die Früchte seiner Arbeit nicht.“

Er macht von seinen Straßen immer Fotos, als Beweis, weil öfter Beschwerden kämen. Man hätte seit Wochen, ja seit Jahren, keine Straßenreinigung gesehen. Ein weißes Fetzchen greift er nun. Es klappt auf, entpuppt sich als benutzte Damenbinde. „Die werfen ihren Müll einfach auf die Straße, einfach so. Auch Essensreste. Das kann auch schon mal sein, dass einem eine Ratte entgegenspringt, alles schon vorgekommen.“ Er leert seine Tonne auf die Ladefläche, Kalle und Edis kippen ihre dazu. Säuerlicher Geruch nach Müll steigt auf. Harald schiebt den Haufen mit einem Besen ein wenig zusammen.

Noch eben eine Kontrollfahrt durch die gestern gefegte Hagedornstraße. Viele Zuwanderer wohnen hier, in den herunter gekommenen Mietshäusern mit den verblichenen Fassaden, in denen sonst niemand mehr leben will. Nach offiziellen Statistiken ist ungefähr jeder fünfte Marxloher Rumäne oder Bulgare, beträgt der Ausländeranteil knapp 50 Prozent. Die grauschlierigen Häuser verschmelzen mit den tief hängenden Wolken. Einige Haustüren sind mit Brettern vernagelt, andere stehen offen. Verschlissene Gardinen oder Bettlaken hängen schief in den Fenstern. Die bunt gestrichenen Balkone eines abgewohnten Hauses mit blauer, fleckiger Fassade setzen vergeblich farbige Akzente gegen die Tristesse.

Im schnellen Takt kämpfen die Scheibenwischer gegen den Regen, kein Mensch ist auf der Straße zu sehen. Aber sonst stünden die immer an dem Kiosk an der Ecke, bekräftigen die Männer. Der kräftige Wind hat ein paar Wochenzeitungen auf die Straße geweht. Harald zückt sein Foto vom Vortag: „Das geht aber noch“. Das Hotel Montan kommt in Sicht, wo Angela Merkel im Sommer zum Bürgerdialog war. „Da war die Merkel drinne!“, rufen alle und diskutieren dann Fußballergebnisse.

Nach der Tour Frühstück im Betriebshof. Der Pausenraum versprüht mit den rötlichen Bodenfliesen und grünen Fensterrahmen den Charme eines Jugendherbergs-Speisesaals. Es riecht nach Kaffee und Rührei. Einer reicht ein Glas eingelegte Peperoni herum. Die Männer sind sich einig: Jetzt ist die falsche Jahreszeit. Im Sommer und überhaupt bei Sonnenschein, da ist mehr Müll, auch die Gerüche sind dann natürlich schlimmer. Was hätte man in Marxloh schon alles gefunden: gefüllte Kühlschränke mitten in der Grünanlage und sogar einmal einen Beutel mit den Überresten eines Schafs. Die Kollegen von der Müllabfuhr, die könnten was erzählen.

360 PS gegen den Hausmüll

Anderentags. Wie auf dem Deck einer Autofähre stehen die sauberen, weißen Müllwagen dicht an dicht in der Halle. Jäh wird das Tschilpen der Spatzen unter der Decke übertönt vom Dröhnen der Dieselmotoren. Die Fahrerkabine vibriert, als Johann „Joschi“ Sosnowski den 360 PS starken MAN startet und die graue Verdi-Kappe auf dem rundlichen Kopf zurecht rückt. Vor über dreißig Jahren hatte der heute 58-jährige gebürtige Pole einen Kredit aufgenommen, finanzierte davon seinen Lkw-Führerschein – seitdem ist er hier als Fahrer dabei. Mit an Bord sind die Müllmänner Frank Biallas, den alle „Chef“ nennen, sein Neffe Nico Höhe und Maurice Gallego.

Schichtbeginn der Müllabfuhr

Schichtbeginn der Müllabfuhr

Es ist sechs Uhr. Im Wagen spricht niemand. Zu Beginn fahren sie neuerdings die ruhigen Quartiere ab. Früher hätten sie immer erst das Problemviertel gemacht, aber so früh morgens ging das nicht. Dauerte zu lang und man wusste nie, was passiert.

Frank, ein drahtiger Mann, auf den kurzen dunklen Haaren ebenfalls eine Verdi-Kappe, läuft federnd dem Wagen voraus, die Kippe im Mundwinkel. Er verschwindet in den Kellern und holt die Mülltonnen. Niko und Maurice ziehen sie dann mit Radau zum Wagen und hängen sie hinten an den Lifter, der sie surrend anhebt und in den Bauch des Müllwagens entleert. Das klappt nur, wenn die Tonne akkurat an ihrer Vorderkante eingehängt wird. Dann verrichtet der Verdichter im Inneren des Wagens polternd seine Arbeit. Hängt die Tonne schief, drückt die Maschinerie sie einem wieder entgegen. Ob dabei schon mal Mülltonnen umfallen? Der junge, schlaksige Nico grinst. „Sicher! Kommt vor. Dann muss man das eben auffegen.“ „Joooo!“, gellt Maurice. Das Zeichen für Joschi, den Wagen zu den nächsten Tonnen zu bugsieren.

Ein Autofahrer rangiert vor und zurück, kommt nicht am Müllwagen vorbei, hupt schließlich. „Ja ja.“, seufzt Joschi. Mit seinem polnischem Akzent erzählt er, was er mal erlebt hat: „Hat einer Axt aus Kofferraum geholt und mich bedroht, weil ich zu lange gestanden hab. Ich hab den von hier oben aus dem Führerhaus nur angeschaut, da guckte der wie kleiner Junge. Hat die Axt wieder weggelegt. Wir sind auch schon mit Polizeischutz in die Straßen hier und mit dem Ordnungsamt. Die Leute schieben uns ja einfach an die Seite und wollen ihre Müllsäcke direkt in den Wagen werfen.“

Nach zweieinhalb Stunden ist der Wagen halb voll, neun Tonnen Müll zeigt die Achslastkontrolle. Man riecht es, säuerlich, wie abgestandener Wein mit einer Kopfnote aus vergammelten Zitrusfrüchten. Rasch zur Müllverbrennung, bevor man dort zu lange warten muss, und Platz schaffen für die zweite, härtere Hälfte der Tour.

Auf der breiten Basarstraße stehen die Mülltonnen vollgestopft vor den Häusern, blaue und graue Plastiksäcke quellen unter den hochgeklappten Deckeln heraus. Eigentlich dürften solche überladenen Tonnen nicht geleert werden, so ist die Vorschrift, aber was soll man machen. Nur den alten Weihnachtsbaum, auf den ein Mann in seiner Toreinfahrt zeigt, den können sie wirklich nicht mitnehmen. Überall stehen ausländische Anwohner in kleinen Grüppchen, „Viel arbeiten heute“, ruft einer herüber. Eine junge Frau mit buntem, langem Rock wäscht ihre geleerte Mülltonne aus, Seifenlauge landet mit Schwung im Rinnstein.

„Joooo!“, gellt es wieder. Joschi will gerade anfahren, da trippelt plötzlich eine alte Frau hinter den Wagen, schleppt einen dunklen Müllsack heran. Ihr Gesicht ist runzlig, unter dem violetten Kopftuch schaut weißes Haar vor. Die Männer johlen, als sie ausholt und den Sack ins Auto wirft. „Na super, Maria!“ Frank raunt, die Kippe im Mundwinkel: „Normalerweise dürfen wir das nicht. Aber ist mir egal.“

Maurice wartet ab, bis eine alte Frau einen Müllsack in den Wagen geworfen hat.

Maurice wartet ab, bis eine alte Frau einen Müllsack in den Wagen geworfen hat.

Müll hautnah

Die nächste Straße mit überfüllten Mülltonnen, schnell muss es gehen, und weil die Deckel nicht zu sind, fällt schon mal eine Plastikflasche oder ein Abfallsack auf die Straße. Nico zerrt an einer Tonne, in der ein prall gefüllter Sack von der Größe eines Wasserballs steckt. Das Ungetüm versperrt ihm beim Einhängen die Sicht und im nächsten Augenblick passiert es, fliegt die Tonne donnernd auf die Straße. Sofort riecht es schneidend fischig, der Unrat ergießt sich aufs Pflaster, wie metzgerfrisch liegt rosig ein Stapel Fleischwurstscheiben auf dem grauen Asphalt, umrahmt von Resten gebratener Rippchenknochen. Nico will es mit den behandschuhten Händen aufsammeln. „Ach komm, lass“, winkt Frank ab. Er schiebt einen großen Container zurück in eine Toreinfahrt, der Blick fällt in den Hinterhof. Irgendjemand hat hier Palmen gepflanzt, verkrüppelt und schief stehen sie zwischen Möbelresten, alten Kühlschränken und Abfallsäcken. Kein Fall für die Wirtschaftsbetriebe, es ist Privatgelände. „Wie kann man so leben“, meint Frank.

Der Müllwagen biegt in die Hagedornstraße ein. Vor dem Haus mit den bunten Balkonen herrscht hektisches Chaos zwischen den übervollen Tonnen, Säcken und dem Müllwagen. Ein Kontrolleur der Wirtschaftsbetriebe ist da, gestikulierend vermittelt er zwischen Bewohnern und Müllmännern, weist Frank an, die ganzen Säcke ebenfalls mitzunehmen. „Ja ich! Ich mach gar nix mehr hier! Gar nix mehr!“, blafft der lautstark mit erhobenen Händen und leert weiter seine Tonnen, „Ist nicht meine Aufgabe!“ Vom Balkon im Erdgeschoss reicht eine Frau schnell noch einen Müllsack heraus. Ihr Mann bugsiert den durch das Gewusel irgendwie in den anfahrenden Wagen.

Der Müllwagen in der Hagedornstraße

Der Müllwagen in der Hagedornstraße

Im Auto riecht es jetzt nach Schweiß. Viel zu wenig Mülltonnen wären das für so viele Bewohner, meinen die Männer zwischen ein paar Schlucken Cola, die Vermieter würden die Gebühren lieber sparen, immerhin über 3.000 Euro im Jahr für einen Container. Sicher, die Wirtschaftsbetriebe könnten Tonnen zwangsaufstellen, doch das dauerte ein halbes Jahr. Joschi passiert das Hotel Montan.

Direkt daneben ist der Festsaal des Runden Tisches Marxloh. Mielke hatte hier vor ein paar Tagen eine Veranstaltung organisiert, es ging es um das Zusammenleben von Zuwanderern und Alteingesessenen. Joachim Krauß vom NUREC Institut, das sich europaweit mit Stadtforschung beschäftigt, hatte das erforscht. Er berichtete von Integration und Diskriminierung, um die Beweggründe von Rumänen und Bulgaren, nach Marxloh zu ziehen. Über das in Marxloh drängende Müllproblem sagte er nichts – wurde das denn nicht untersucht? Krauß lächelte schief. „Wie sehr muss man seinen Müll lieben? Wer soll verstehen, wie wir unseren Müll trennen? Hausmüll, Papier, Gelbe Tonne, Braune Tonne … ?“

Die Tour ist fast zu Ende, es geht zurück zum Betriebshof. Im Rückspiegel verschwimmen die Hochöfen mit dem grauen Himmel. Die Männer kramen Handdesinfektionsmittel hervor, es riecht medizinisch-sauber. Frank reibt sich seine schmerzende Schulter. Zu Mittag essen würde er jetzt gern, er hat noch nicht gefrühstückt. „Mir macht die Arbeit Spaß.“, fährt es dann ernst aus ihm heraus. „Ich möcht‘ nichts anderes machen.“ Warum? Er zuckt die Schultern. „Mir macht datt einfach Spaß.“

(Anmerkung: Dieser Text war meine Abschlussarbeit an der Freien Journalistenschule Berlin.)

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